Naturwein, Vins Vivants, Raw Wine, Naturbelassener Wein, Vins Naturels, Vins Libres, Naked Wine

Erste Gedanken

Naturwein zu definieren scheint im ersten Moment unglaublich einfach. In den letzten rund zehn Jahren haben wir mit unzähligen Winzer*innen, Händler*innen, Oenolog*innen, Weinliebhaber*innen und Freunden über dieses Thema philosophiert. Wir haben Zeitschriften und Bücher gelesen, Interviews und Dokumentarfilme gesehen und dabei herausgefunden: der Schein trügt. Und zwar gewaltig. Denn es gibt keine allgemeingültige Definition.

Die grundsätzliche Idee

Die Trauben für naturbelassene Weine werden im Rebberg mindestens nach biodynamischen oder biologischen Richtlinien angebaut, von Hand gelesen und mit den natürlich vorkommenden Hefen spontan vergoren. Dem Wein wird bis zur Abfüllung nichts beigefügt. 

Das Spiel 1

Schon beim Anbau sind sich nicht mehr alle Winzer einig, denn man kann auch Traubenmost aus konventionellem Anbau spontan vergären und ohne önologische Tricks und Mittel (Zucker, Säure, SO2 usw.) in die Flasche bringen. Für die einen reicht das, andere sehen den landwirtschaftlichen Teil noch strenger. Bio ist für sie nur der Anfang – sie plädieren dafür, die Monokultur, welche für die Böden nie besonders gut ist, zu brechen und Bäume, Sträucher und andere Pflanzen zwischen und um die Reben zu pflanzen. Ein Ansatz, den allerdings noch nicht sehr viele Winzer verfolgen. Die meisten begnügen sich damit, Gras, Blumen und ähnliche Pflanzen im Rebfeld wachsen zu lassen. 

Das Spiel 2

Der größte Streitpunkt bei der Weinbereitung (Vinifikation) ist: darf Schwefelsäure (freier Schwefel) verwendet werden oder nicht. Hier gibt es grundsätzlich zwei Lager. Die einen verbieten jegliches Zufügen von Produkten auch von SO2. Die anderen erlauben einen totalen Schwefelgehalt von 30 mg/l bei Rotwein und 40 mg/l bei allen anderen Weinen (außer Schaumwein und Süsswein). Dazu muss man wissen, dass Schwefel (gebundener Schwefel) ein natürliches Nebenprodukt bei der Gärung ist und in jedem Wein in kleineren Mengen vorkommt. Auch der Ausbau ist strittig, da vor allem neue Eichenfässer den Geschmack des Weines stark beeinflussen. Viele Winzer verwenden deshalb neue oder alte Formen, um den Wein reifen zu lassen. Stahl-, Beton- und Viberglastanks sind sehr beliebt, aber auch Glas- oder Ton-Amphoren werden immer häufiger verwendet.

Die Wahrheit?

Wie bei fast allem im Leben gibt es die eine “Wahrheit” nicht. Sie setzt sich zusammen aus einer Grundidee und vielen kleinen Interpretationen von dieser. Das ist das Schwierige und zugleich das unglaublich Schöne und Spannende an dieser sehr ursprünglichen Art der Weinbereitung. 

Ordnung und Chaos

Wie so oft wird der Ruf nach Ordnung auch in der Naturwein-Szene immer lauter; immer wieder werden wir nach einem Zertifikat gefragt. Tatsächlich gibt es weltweit bereits einige entsprechende Labels. Doch ist das wirklich nötig? Ist nicht gerade das Vertrauen, welches wir den Winzern und die Weinliebhaber ihrem Händler entgegenbringen, ein sehr wichtiger Punkt des Ganzen? Denn Naturwein ist nicht nur das, was im Rebberg und im Keller geschieht. Viel mehr ist es eine Einstellung, eine Haltung allem Lebendigen gegenüber. Ein Stück Philosophie und ein Weg, wie der Mensch mit dem Planeten umgehen sollte, nachhaltig und achtsam.