Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan

Nicht nur, aber – ganz ehrlich – vor allem aus aktuellem Anlass, widmet sich der Beitrag diesmal den synthetischen Pestiziden. Obschon wir sonst lieber vom Lebendigen in all seiner splendiden Verquicktheit sprechen, geht es diesmal um Seuchen und Gifte. Denn gespritzt wird im Weinbau nicht zu knapp. In Frankreich stellt die Weinbaufläche lediglich 3,7% der Agrargesamtfläche dar, doch fallen 20% des Pestizidgesamtverbrauchs für den Anbau auf diesen Flächen an.

Pestizide, zahlreicher als die biblischen Landplagen

Caedes ist die lateinische Wurzel für den Suffix -zid und bedeutet in etwa “das Niederhauen, Morden, Ermordung, Mord”. Wenn -zid also für das – sagen wir mal – willentlich abrupte Beenden von etwas steht, was heisst dann Pest? Abermals steckt die Wurzel in lateinischem Boden. Pestis lässt sich übersetzen als “Pest, Seuche”, aber auch bildlich als “Verderben, Unheil, Untergang”. Demnach soll ein Pestizid zumindest semantisch Seuche und Unheil ermorden – ein Todtöter oder Tötertöter quasi.

So vielfältig das Unheil in der Landwirtschaft ist, so mannigfaltig sind es die synthetischen Pestizide. Diese können Wirkstoffe enthalten, die den natürlich vorkommenden identisch oder zumindest ähnlich sind, bis hin zu Wirkstoffen, die in der Form nicht natürlich vorkommen würden. Pestizid ist lediglich der Sammelbegriff für unterschiedliche Seuchenkampfstoffe oder Pflanzenschutzmittel (je nach Blickpunkt). So bekämpfen Herbizide andere, unerwünschte Pflanzen, Fungizide Pilzkrankheiten, Bakterizide Bakterien, aber auch Mittel gegen Nager, Vögel und Insekten kommen zum Einsatz – dazu gehören ebenfalls Produkte wie Mückenspray oder Flohhalsbänder für Katzen. Indes können diese Produkte selektiv, beispielsweise spezifisch gegen eine Art Pilzkrankheit oder eine Art “Unkraut”, oder nicht-selektiv sein. Eines der bekanntesten, nicht-selektiven oder Breitband-Mittel dürfte wohl das Glyphosatprodukt “Roundup®”von Monsanto sein. Spätestens seit dem Leak der sogenannten Monsanto-Papers ist offensichtlich, wie höchst reaktionsfreudig und ausserordentlich potent diese Mittelchensind. So konnte in einer Studie an der Universtität Caën nachgewiesen werden, dass für starke Mutationen an Ratten bereits sehr geringe Dosen reichen (0,1 mg/Liter – in Frankreich unter der Toleranzgrenze für Trinkwasser)1.

Alles Ag(g)ro

Im konventionellen Agrarsektor ist es üblich, dass die Pestizid produzierenden Konzerne die Landwirte nicht nur mit dem Pestizid selbst, sondern auch mit dem perfekt abgestimmten Saatgut versorgen, das oft selbst schon von einem Giftmantel umhüllt ist, ähnlich einer Smarties. Beispielsweise das Getreide wird nach spezifischen Angaben des Herstellers in seinen unterschiedlichen Wachstumsphasen “unterstützt”, um so maximale Erträge zu garantieren. Dem Landwirten wird so eine möglichst hohe Effizienz und Rendite versprochen. Doch ironischerweise kommen unsere Landwirte auf keinen grünen Zweig. “So wird an der Landwirtschaft viel Geld verdient, in der Landwirtschaft jedoch nicht” (Zitat Martin Häusling, EU-Parlamentarier und Landwirt). Weinbau hingegen ist eine langfristige Monokultur. Winzer bestocken ihre Parzellen nicht jährlich neu, ganz im Gegenteil. Konventionelle Grossbetriebe bewirtschaften ihre Reben zwischen 20 bis 30 Jahre, Kleinbetriebe teilweise weit darüber hinaus. Dementsprechend lange können sich die Pestizide, die entweder verdünnt aufgesprüht oder auch in fester Form als Granulat ausgetragen und über die Wurzel aufgenommen in der ganzen Pflanze verteilt werden, im Rebstock anreichern. Je nach Produkt diffundieren die Wirkstoffe sehr tief in die Pflanzenzellen und beeinflussen dadurch auch die DNA. Zusätzlich wird nachweislich auch die DNA, das Immunsystem oder das Verhalten von Mikroorganismen in den Böden kontinuierlich beeinträchtigt.

Spiel mir das Lied von der Dosis

Diese beständige Veränderung der Pflanzen und des Bodens ist potentiell der Grund, warum sich diese Wirkstoffe auch im fertigen Wein nachweisen lassen. Der Plural von Wirkstoff ist diesmal sehr bewusst gewählt, so hatte der Verband der Kantonschemiker bereits in seiner Medienmitteilung vom 14. Juni 2017 veröffentlicht, dass insbesondere in Schweizer Weinen im Vergleich zu ausländischen vermehrt eine grössere “Zahl verschiedener Stoffe in den Weinen” festgestellt wurde. Der Nachweis verschiedener Rückstände von in Frankreich verbotenen Pestiziden auch in Weinen von noblen Bordeaux-Häusern konstatierten die Journalisten des in Frankreich sehr geachteten TV-Magazins Envoyé Spécial bereits 2011 (Folge vom 1. Oktober). Das Problem ist altbekannt, doch mit welchen Auswirkungen. Die Forschung ist schlicht nicht in der Lage die Realbedingung von unzähligen Variablen in Studien abzubilden. Zu viele Variablen spielen in diesem komplexen System eine Rolle: Art der Monokultur, mikroklimatische Bedingung, Art der Anwendung und vor allem Cocktail der Pestizide. So ist nicht nur die Dosis des Gifts relevant, sondern gleichsam auch die Arten, sprich der Cocktail der verwendeten Substanzen; darin eingeschlossen sind Wirkstoffe und ihre Nebensubstanzen, wie Stabilisatoren und weiteres Substrat.

Dystopia oder Eutopia

Neben allen fachspezifischen Fakten ging es bei den beiden Initiativen um mehr als das Verbot von Pestiziden, es geht um die Entscheidung, welche Utopie man zu realisieren erhofft. Insofern ist den Gegnern in einigen Punkten Recht zu geben: Die Produktion pro Hektare ist so hoch wie nie zuvor und soll noch weiter und sicher wachsen. Davon profitiert die Gesellschaft kurz- und etwas optimistisch vielleicht sogar mittelfristig, doch die unüberschaubaren Kosten trägt sie auch. Schliesslich lohnt sich das Ganze nur für eine handvoll Unternehmen, die sogenannte Komplettlösungen anbieten und so den Unort vorträumen, wo ewiges Wachstum möglich zu sein scheint, wenn nur die Technologie dafür bereit steht. 

Demgegenüber steht die entgegengesetzte Utopie, die auf diese Technologien gänzlich verzichten möchte und sich den Vorwurf der Radikalität aussetzt. Die Vorlagen waren radikal, aber nur weil der Einsatz von Pestiziden es auch ist. In etwa so radikal wie der kalte Entzug eines Drogenabhängigen, wird auch diese Utopie ihren Tribut fordern und einen hoffentlich tiefgreifenden, bitter nötigen strukturellen Wandel provozieren. Lustigerweise ist die etymologische Wurzel von radikal das – wer hätte es gedacht – lateinische Wort radix, was Wurzel bedeutet. Der Versuch sich den Wurzeln der Sache zu nähern, klingt zumindest nach einem etwas einfühlsameren Konzept. Der Natur widerstrebt erfahrungsgemäss eine hohe Konzentration von einer Entität an einem Ort. Naturgesetzliche Phänomene wie Osmose sorgen dafür, dass unterschiedliche Konzentrationen sich ausgleichen. Wenn also eine Pflanzenart, einer Monokultur gleich, dominiert, wird unweigerlich auch das Populationswachstum des Fressfeindes ansteigen. Ein vermeintlich einfacher Impetus von zahlreichen anderen, mit dem sicherlich nicht einfach umzugehen ist. Komplexe Fragen verlangen in der Regel nach komplexen Antworten.

Das ganze Trallala-Team mitsamt all seinen Winzer*innen bezogen seit jeher und beziehen weiterhin täglich eine klare Position, wenn es um den Einsatz von synthetischen Mitteln im Wein geht. Man versucht einer Utopie den Vorzug zu geben und sie durch viel Einsatz mit wachsender Erfahrung weniger utopisch erscheinen zu lassen. Für welche Utopie du dich in deinem Alltag entscheidest, bleibt dir überlassen und kann langsam, aber stetig etwas kleines verändern.